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Der Tierarzt und das liebe BARF – Bedarfsnormen oder der Mittelweg zwischen Mangel und Exzess

Häufig heißt es, dass der Bedarf des Hundes beim BARFen nicht gedeckt wird. Bevor ich auf die Bedarfszahlen der einzelnen Nährstoffe eingehen kann und die Frage, ob deren Bedarf beim BARFen gedeckt werden kann, muss zunächst die Frage geklärt werden: was sind Bedarfszahlen überhaupt?

Wir Menschen sind es gewohnt, alles in Zahlen und Normen zu pressen. In der Natur­wissenschaft haben wir es hier meistens auch mit Konstanten zu tun. Umso verwirrender mag es daher sein, dass es sich in der (Tier)­ernährung komplett anders verhält. Bedarfs­zahlen sind keine Natur­konstanten, sie sind Schätz-, Näherungs- und Richt­werte, die eine möglichst genaue Orientierung geben sollen, wie hoch der Bedarf eines bestimmten Nähr­stoffs ist. Da das alles doch sehr abstrakt klingt, werde ich ganz allgemein auf das Thema Bedarfs­normen in diesem Blogartikel eingehen.

Warum gibt es Bedarfsnormen?

Bedarfsnormen gibt es für alle essentiellen Nähr­stoffe. Essentiell bedeutet hierbei, dass ein Körper diesen Nähr­stoff nicht selbst bilden kann, er muss also über die Nahrung zugeführt werden. Im Körper wird er für verschiedene Stoff­wechsel­prozesse oder Organfunktionen benötigt. Fehlt er, können diese Stoff­wechsel­prozesse früher oder später nicht mehr aus­ge­führt werden bzw. die Organe nicht mehr richtig funktionieren. Es entsteht ein Mangel, der in den schlimmsten Fällen zum Tod führen kann.

Demzufolge dürfte verständlich sein, dass ein Interesse besteht, den Bedarf eines Nähr­stoffs zu kennen und möglichst passend ab­zu­decken. Wir leben in einer Zeit und einem Land, in dem Mangel­ernährung für die meisten etwas ist, mit dem sie noch nie Kontakt hatten. Zum Glück. Umso schwerer fällt es uns aber auch, dieses mögliche Problem als solches an­zu­er­kennen. Wir neigen dazu, es als nicht existent zu sehen, da es für uns selbst nicht existentiell ist.

Ziel beim Entwickeln von Bedarfsnormen ist folglich, Mangel- genauso wie Exzess­erscheinungen zu vermeiden.

Wie könnte man Bedarfsnormen festlegen?

Viele glauben ja, es wäre am einfachsten sich anzuschauen, was das Tier in der Natur frisst und wie dieses Futter­mittel (im Falle von Fleisch­fressern, also Beute­tiere) zusammen­gesetzt ist.

Die Überlegung hinter der Methode ist naheliegend: die Tier­arten haben sich alle während der Evolution nur mit Nahrungs­mitteln aus der Natur ernährt und sie haben überlebt. Mehr noch, sie haben sich in die Form, die heute existiert, entwickelt.

Was auf den ersten Blick einleuchtend klingt, hat bei näherer Betrachtung seine Schwach­stellen. Ein wild­lebendes Tier unterscheidet sich nämlich in einigen Dingen grund­legend von unseren Haus­tieren.

1. In der Natur ist das wichtigste Ziel die Fort­pflanzung, zum Erhalt der Art und der eigenen Gene. In der modernen Haus­tier&syh;haltung ist das Ziel ein möglichst langes und gesundes Leben. Ein Tier, das eine leichte Mangel­ernährung erfährt, kann sich häufig in den ersten Lebens­jahren durchaus fort­pflanzen, es wird aber lang­fristig nicht gesund leben und damit nicht so alt werden wie unsere Haus­hunde. Für Wölfe gibt es entsprechende Zahlen: in Gefangen­schaft werden sie bis zu 17 Jahre alt, in der Wildnis nur 10-13 Jahre, wobei die durch­schnittliche Lebens­dauer deutlich niedriger liegt, was allerdings natürlich auf die Jung­tier­sterb­lich­keit zurück­zu­führen ist.

2. In der Natur überleben die, die sich am besten anpassen können. In der modernen Tier­haltung tun wir alles dafür, unsere Tiere möglichst lang­lebig zu halten. Das beginnt damit, dass wir ihnen täglich Futter geben und sie gegen gefährliche Krank­heiten impfen, geht zu dem Punkt, an dem wir entscheiden wer sich fort­pflanzt und wer nicht und endet darin, dass wir entscheiden, wann ein Tier stirbt. An dieser Stelle will ich erwähnen, dass ich selbst­ver­ständlich gegen keinen der genannten Punkte einen Einwand vorbringen möchte. Ich will nur zeigen, dass das, was wir mit unseren Haus­tieren täglich machen, wenig mit Natur zu tun hat. Und daher werfe ich die Frage auf: warum muss dann das Futter so natürlich sein, dass ein möglicher Mangel akzeptiert wird?

3. In der Natur laufen sicherlich genügend Tiere herum, die einen Nähr­stoff­mangel haben. Bei unseren Haus­tieren wollen wir aber genau das ver­meiden. Beute­tiere im Süden von Deutschland haben durch­schnittlich sicherlich einen niedrigeren Zink­gehalt im Körper als Beute­tiere, die auf Mineralstoff­reichen Böden grasen. Tiere, die Gras in Küsten­nähe fressen dürften einen höheren Jod­gehalt haben als diese, die fernab jeder Küste ihr Gras zu sich nehmen. Beide sind natürlich, aber wer von den beiden spiegelt jetzt den Nähr­stoff­bedarf wider?

4. Wildlebende Tiere verbringen einen großen Teil des Tages mit der Futter­suche. Durch diese viele Bewegung und der Tat­sache, dass wild­lebende Tiere den Umwelt­be­dingungen aus­ge­setzt sind, ist ihr Energie­bedarf deutlich höher (BARF – ein Hund Wolf Vergleich). Der Nähr­stoff­be­darf an Mineral­stoffen und Vitaminen steigt jedoch nicht in demselben Maß an. Wild­lebende Tiere nehmen also eine deutlich höhere Futter­menge und damit auch wesentlich mehr Nähr­stoffe auf als unsere Haus­tiere. Ein ganzer Hase mag daher für einen Wolf eine adäquate Mahl­zeit dar­stellen, ein Drittel davon, was in etwa dem Energie­bedarf eines durch­schnitt­lichen Hundes entspricht, hingegen vielleicht nicht mehr.

Auf der anderen Seite zeigt die natürliche Ernährung einer Tierart selbst­ver­ständlich eine Orientierungs­hilfe beim Entwickeln von Bedarfs­normen.

Wie werden Bedarfsnormen festgelegt?

Eine erste Methode ist die Trial and Error Methode. Ein Tier­versuch ist hier­für nötig. Man reduziert einen Nähr­stoff im Futter auf eine immer kleinere Menge oder streicht ihn, wenn möglich, komplett. Sobald klinische Symptome einer Mangel­erkrankung auftreten ist klar, dass der Mindest­bedarf unter­schritten ist. Von ihrer Grausamkeit abgesehen, hat die Methode noch einen anderen großen Haken: sie berück­sichtigt beeinflussende Faktoren nicht unbedingt. Ein Nähr­stoff kann besser oder schlechter resorbiert werden, je nach Individuum, aber auch nach Zusammen­stellung der Grund­ration. Dadurch kann ein Bedarf leicht über- aber auch unter­schätzt werden. Da diese Methode eine ältere Methode ist und einige Bedarfs­zahlen in ihr ihren Ursprung gefunden haben, ist es daher auch nicht ver­wunderlich, dass sie sich in den letzten 30-40 Jahre etliche Male geändert haben. Genauer werde ich darauf in den Blog­artikeln zu den einzelnen Nähr­stoffen eingehen.

Eine andere Methode ist die heute gängigste Methode. In den letzten hundert Jahren wurden unzählige Verdauungs­versuche mit Hunden gemacht. Hierbei wurde immer dokumentiert, wie das Futter zusammen­gesetzt war, wie hoch die Auf­nahme eines Nähr­stoffes und wie hoch seine Aus­scheidung war. Trägt man all diese tausenden Zahlen in eine Grafik ein, indem man immer eine Gleichung Auf­nahme gegen Aus­scheidung berechnet, ergibt sich ein Durch­schnitt. Dieser ist dann un­ab­hängig von der Zusammen­setzung des Futters. Natürlich gibt es in diesen Grafiken Aus­reißer. Das können zum einen Individuen sein, zum anderen aber auch besonders hoch­ver­dauliche oder eben besonders schlecht ver­dauliche Futter­mittel.

In der folgenden Beispiel­grafik lässt sich das recht gut erklären. Vorab benötigt es jedoch noch den Hinweis, was man unter dem meta­bolischen Körper­gewicht ver­steht und warum wir damit rechnen. Das meta­bolische Körper­gewicht ist die tatsächliche Stoff­wechsel­masse eines Individuums. Jetzt wird es leider etwas kompliziert. Ganz allgemein lässt sich sagen: je kleiner ein Körper ist, desto größer ist seine Ober­fläche im Verhältnis zu seinem Gewicht. Und je größer die Ober­fläche ist, desto höher sind die Energie­verluste an die Außen­welt. Das ist jetzt etwas sehr physikalisch abstrakt, deswegen will ich es an einem Beispiel erklären:

Ein Chihuahua mit einem Gewicht von 2kg braucht von einem bestimmten Feucht­futter 100g, um sein Körper­gewicht zu halten.

Hätten wir einen linearen Anstieg des Energie- und Nährstoff­bedarfs bräuchte eine Dogge mit 60kg von demselben Feucht­futter 6000g. Jeder Besitzer einer großen Rasse weiß, dass diese viel Futter benötigen, so viel aber auch wieder nicht. Tatsächlich benötigt die Dogge bei von dem Beispiel­futter nur rund 2500g.

Das ganze lässt sich über die Stoff­wechsel­masse erklären. Ein Chihuahua mit einem Gewicht von 2kg hat ein Stoff­wechsel­gewicht von gerundet 1,7kg, während eine Dogge mit 60kg ein Stoff­wechsel­gewicht von nur etwa 21kg hat.

In der Tier­ernährung rechnen wir immer mit dem Nähr­stoff pro kg meta­bolisches Körper­gewicht, da wir eine so große Varianz in der Höhe des Körper­gewichts haben.

kg met KGW = kg metabolisches Körpergewicht

Jeder Punkt stellt die Menge eines Nähr­stoffs dar, den ein Individuum pro Kilogramm meta­bolischen Körper­gewichts auf­genommen und aus­ge­schieden hat. Die Gerade ist eine Berechnung aus dem Durch­schnitt der Individuen. Ver­längert man die Gerade bis zur Y-Achse, erfährt man den Minimal­bedarf. Der dort liegt, wo diese Gerade die Y-Achse schneidet (Pfeil). Diese Menge eines Nähr­stoffs wird auch dann aus­ge­schieden, wenn der Nähr­stoff gar nicht auf­ge­nommen wird.

Was auf den ersten Blick dämlich klingt, ist auf den zweiten recht logisch: zum einen werden ver­schiedene Nähr­stoffe benötigt, um Verdauungs­säfte zu produzieren. Dann sterben jeden Tag auch noch einige Darm­zellen ab und auch diese bestehen aus Mineral­stoffen, die auch mit dem Futter auf­genommen werden. Wir nennen diesen Punkt auch die endogenen Ver­luste, was so viel bedeutet wie Ver­luste, die von Innen kommen. Damit ist die Menge an Nähr­stoff gemeint, die in jedem Fall aus­ge­schieden wird, vollkommen unabhängig, ob der Nähr­stoff mit der Nahrung zu­ge­führt wird. Dieser Anteil, die endogenen Ver­luste, muss unbedingt zu­ge­führt werden, da sonst eine Mangel ent­stehen wird.

Wie kommt man von all diesen Berechnungen denn jetzt auf die Bedarfs­normen?

Vorrangig in Deutschland und Europa verwenden wir hierfür die faktorielle Bedarfs­kalkulation. Das bedeutet, dass wir den Bedarf eines Tieres durch verschiedene es be­einflussende Faktoren berechnen. Oben genannte Regressions­gleichung bietet dabei den Grund­stock bzw. Grund­bedarf. Dabei handelt es sich um die Menge, die ein Tier in jedem Fall braucht. Hinzu kommt dann weiterer Bedarf bei höheren Leistungen. Unter Leistungen versteht der Tier­ernährer hierbei Aspekte wie Wachstum oder Laktation (Milch­produktion).

Was bedeutet das jetzt für die Nähr­stoffe im Napf?

Wer immer über das Thema Nähr­stoff­bedarf sprechen will, sollte zumindest Grund­kenntnisse in den oben genannten Punkten haben. Wer die Nähr­stoff­versorgung beurteilen will, sollte den Ursprung der Bedarfs­zahlen wissen und auch beeinflussende Faktoren kennen. Und diese möglichst genau Aus diesen Gründen sollte man sich tunlichst nicht zu pauschalen Aussagen wie „BARF ist nie bedarfs­deckend“ oder auch „Trocken­futter ist auf alle Fälle passend“ hin­reißen lassen. Denn BARF kann so bedarfs­deckend sein wie Trocken­futter nicht bedarfs­deckend sein kann.

Grundsätzlich ist es wichtig zu verstehen, dass eine Bedarfs­zahl keineswegs den Anspruch hat, unum­stößlich korrekt zu sein. Es geht darum, dass das Tier adäquat mit Nähr­stoffen ver­sorgt wird, also möglichst weder ein Mangel, noch ein Exzess auftritt.


Quellen:

L. David Mech: The Wolf. Ecology and Behavior of an Endangered Species. Natural History Press, Garden City NY 1970

H. Okarma: Der Wolf. 1997

Dr. med. vet.
Stephanie Schmitt

Zusatzbezeichnung Ernährungsberatung für Kleintiere, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik

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